Marshall B. Rosenberg, Ph. D. zum Gedenken – Mensch, Lehrer, Friedensstifter und Visionär des Sozialen Wandels

„Zwei Dinge unterscheiden gewaltfreies Handeln von Gewalt. Erstens, du siehst keinen Feind. Zweitens ist deine Absicht nicht, die andere Seite leiden zu lassen.“

Wien, 18.Februar 2015. Knapp vier Monate nach seinem 80. Geburtstag ist Marshall B. Rosenberg, dessen Modell der Gewaltfreien Kommunikation (GFK) sich in annähernd 50 Jahren mit so großer Wirksamkeit auf allen Kontinenten verbreitete, am 7.Februar 2015 im Kreis seiner Angehörigen in Albuquerque/New Mexico (USA) verstorben.

Unsere Sprache – Ausgangspunkt von Gewalt oder Wertschätzung

Marshall B. Rosenberg

Tausende Menschen weltweit trauern. So auch ich. Rosenbergs Verdienst lag im Erkennen der Sprachformen, wenn sie Gewalt sprechen: Er erkannte die Abwertung mit Worten als Vorstufe von „Entmenschlichung“ der anderen und als die Ursache eskalierender Konflikte, gleich ob ein anderes Volk, der Nachbar oder auch nur ein anderes Familienmitglied damit gemeint ist.

Anstelle von Feindbildern, moralisierender Verurteilungen und Schwarz-Weiß-Denken plädierte Rosenberg für das Anerkennen der für alle Menschen gleichgültigen Gefühle und Bedürfnisse. Erst dieser Prozess ermöglicht Mitgefühl und darauf basierend können friedliche Lösungen zwischen Konfliktparteien möglich werden.

Dieses Modell ist revolutionär. Und diese positive Radikalität ist meiner Ansicht nach ein Grund, weshalb die GFK-Kommunität bei all der Trauer so viel Dankbarkeit für Rosenberg und auch Freude empfindet: Die GFK (Gewaltfreie Kommunikation) ist als positive Handlungssprache jenseits von kulturellen Unterschieden leicht versteh- und erlernbar.

Rosenberg und seine Methode haben somit das Leben enorm vieler Menschen, sei es in den Beziehungen, in den Familien und oder in Gemeinschaften zum Guten, ganz konkret zum Hilfreichen gewendet. Und so auch in meinem Leben, wie ich es persönlich immer wieder erlebe: Die Kraft liegt in der Empathie, anderen und sich selbst gegenüber. Erst sie erlaubt beispielsweise, auch noch dem Scheitern mitfühlend zu begegnen.

 Rosenbergs Verdienste

Die Ausstrahlungskraft dieses Mannes, der am Höhepunkt seiner Schaffenskraft – gekennzeichnet durch unermüdliche Reisetätigkeit in mehr als 60 Ländern – so viele schwere Konflikte auf allen Erdteilen, beispielsweise Palästina, Nigeria, Sri Lanka als Mediator begleitete, war charismatisch. Er bot in entlegenen Unruhe- und Bürgerkriegsgebieten Menschen – den Opfern, wie auch den Tätern – den Raum, ihre Traumata zu heilen. Er sah die Menschen „dahinter“, egal ob sie miteinander verfeindete Stammesführer, Polizisten, Gangmitglieder, Bürgerrechts-AktivistInnen, Gefängnisinsassen und –wärter, Militärs oder eben private InteressentInnen waren. Dabei war er charismatisch und gleichzeitig von großer, persönlicher Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit.

Rosenberg hat, wie es meine Kollegin Sylvia Häusler, Psychologin und Trainerin [www.empathiewerkstatt.at] richtig beschreibt, seine ganze Aufmerksamkeit und Offenheit unterschiedslos allen Menschen gezeigt. Ich bin glücklich, Marshall Rosenberg noch persönlich begegnet zu sein. Sylvia Häusler und ich waren die „österreichischen“ Teilnehmer bei seinem „International Intensive Training“ (9 Tage) in den USA im September 2011. Es war sein letztes vor seinem gesundheitsbedingten Rückzug. Und ich bin neugierig, welche weiteren Details seiner Vita bekannt werden, die Marshall Rosenbergs bekannten Lebensbogen vom Rebell zum Klinischen Psychologen, als Mitarbeiter von Carl Rogers (Begründer der klientenzentrierten Gesprächstherapie) bis hin zum von Gandhi, Martin Buber und dem brasilianischen Reformpädagogen Paolo Freire inspirierten Kreator seines eigenen Modells beschreiben. Rosenberg hat die Gewalterfahrungen in seinen jungen Jahren, sowohl die schweren Rassenunruhen in Detroit, als auch jene infolge seiner jüdischen Herkunft öfters als prägend angeführt.

GFK – ein möglicher Gegenentwurf zum Biedermeier 2.10 (© Peter Pressnitz )

Gerade unsere Zeit am Beginn des Jahres 2015, die weltweit von so schweren Umbrüchen, kriegerischen Auseinandersetzungen und blutigen Unterdrückungen gekennzeichnet ist, braucht seine Vision „aktiver“ Gewaltfreiheit mehr denn je. Die Rosenberg’sche Fackel verlangt überall entzündet zu werden, wo Menschen durch Gewalt jedweder Art sozial, ökonomisch und gesundheitlich geschädigt werden. Aber nicht nur an diesen Plätzen.

Die herausragende Originalität von Rosenbergs Denken liegt an einem Ort, wo für mich als Trainer für Gewaltfreie Kommunikation die größte Inspiration entspringt: Die GFK bleibt nicht im Privaten der „Nur“-Konfliktklärung und der „Auch“-Beziehungsklärung hängen. Rosenberg war es genauso wichtig, die Dominanzstrukturen jedweder Art zu hinterfragen, ob in Staaten, Konzernen und anderen Hierarchien oder in einem Menschenbild, welches als Rechtfertigung dieser Dominanz und Machtausübung dient. Gesellschaftliche Systeme, in denen Ressourcen und Entscheidungsmacht ungerecht verteilt sind, benötigen den Anstoß in Richtung „Sozialer Wandel“.

Diese Veränderungsarbeit – unter Verzicht auf Feindbilder – war Rosenberg ein großes, wenn nicht sein wichtigstes Anliegen, weil sie öko-politische Implikationen hat. Denn diese komplexen und scheinbar unlösbaren Widersprüche, Konflikte und Grausamkeiten dieser Welt beschwören Massenfluchten. Menschen fliehen in Scharen aus Ländern, die ihnen keine Hoffnung auf ein besseres und menschenwürdiges Dasein bieten. Sie überqueren unter größten Gefahren Meere in Nuss-Schalen, um in unseren vermeintlichen Wohlstandgebieten zu landen. Als Reaktion errichten damit überforderte Entscheidungsträger immer höhere Mauern und noch schärfere Zäune.

Dafür fliehen mehr und mehr Menschen unserer Breiten nicht nur, aber auch wegen dieser Zustände in ihre individuellen „Wohlfühl- und Achtsamkeitsinseln“. Die Wirrnisse dieser Welten stören die Befindlichkeit – wozu dann noch an politischen Prozessen teilnehmen? Handelten diese Menschen anders, wenn sie Rosenberg und die GFK kennen würden? Das Eintreten für ein gesamtgesellschaftliches Wachsen im Guten, an dessen Beginn wir erst stehen, schließt persönliches Wachstum und Lebensfreude nicht aus. Und so meinte es Rosenberg: „Was ich in meinem Leben will, ist Einfühlsamkeit, ein Fluss zwischen mir und den anderen, der auf gegenseitigem Geben vom Herzen beruht“.

Marshall B. Rosenberg

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